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Dr. Gerhard Schwarzkopf Steinhauser erläutert in einem Interview im Pharmabrief 4-5/2019 die spärliche Datenlage zu Antibiotika-Resistenzen im globalen Süden (S.14-15).

In unserem Pharma-Brief 3/2019 berichtet Paul Kröfges, Gewässerexperte des BUND NRW, zu den Funden des BUND von resistenten Keimen in Flüssen und Seen in NRW (S. 6-7).

globale Herausforderungen Erkennen, lokale Handlungsperspektiven fördern

NIADKlebsiella pneumoniae Bacteria 13743456084Antibiotika-Resistenzen (ABR) haben sich zu einem massiven weltweiten Problem entwickelt. Sie fordern nicht nur hunderttausende Opfer jährlich, sondern drohen auch Fortschritte bei der Armutsbekämpfung, einer umfassenden Gesundheitsversorgung sowie der wirtschaftlichen Entwicklung in Ländern des globalen Südens zunichte zu machen. Nicht zuletzt im Bereich der Mutter-Kind-Gesundheit oder bei Armutskrankheiten wie Tuberkulose sorgen resistente Erreger für massive Behandlungsprobleme, eine Explosion der Gesundheitskosten und hohe Sterberaten.

Resistente Erreger verbreiten sich rund um den Globus und lassen Antibiotika als wichtigstes Heilmittel wirkungslos zurück. Das drohende Zukunftsszenario eines post-antibiotischen Zeitalters bezeichnete die WHO schon 2015 als "globale Gesundheitskrise". Die Folgen sind verheerend, vor allem in armen Ländern. Denn hier sind die Menschen von ABR besonders betroffen. Durch schlechte Lebensbedingungen, fehlenden Zugang zu sauberem Trinkwasser oder sanitärer Versorgung leiden sie einerseits wesentlich häufiger unter Infektionen. Andererseits sind Therapien gegen resistente Erreger oft nicht verfügbar oder unbezahlbar. Zudem greifen PatientInnen, die für eine ärztliche Beratung selbst aufkommen oder dafür beschwerliche Wege auf sich nehmen müssen, häufig ohne Diagnose zu Antibiotika. Das gilt besonders, wenn diese Mittel rezeptfrei und billig zu haben sind. Der übermäßige und unsachgemäße Gebrauch von Antibiotika beschleunigt wiederum die Resistenz-Entwicklung erheblich.

Das Beispiel Gonorrhoe

ABR führen dazu, dass bisher leicht therapierbare Erkrankungen plötzlich unbeherrschbar werden. Ein Blick auf das Beispiel Gonorrhoe verdeutlicht die dramatische Situation: Mit 78 Millionen Erkrankungen jährlich ist sie weltweit die zweithäufigste sexuell übertragbare Erkrankung. Die höchsten Infektionsraten verzeichnet der afrikanische Kontinent. Die von der Krankheit hervorgerufenen Entzündungen können besonders für Frauen gefährliche Konsequenzen haben, zudem erhöhen sie das Risiko einer HIV-Infektion. Resistente Erregerstämme machen die Behandlung von Gonorrhoe inzwischen nahezu unmöglich. In Großbritannien sorgte im März 2018 ein Fall für Aufsehen, der erstmalig Resistenzen gegen beide Antibiotika der Standard-Behandlung aufwies. Die Ansteckung war in Südostasien erfolgt.

Problematisch: Steigender Verbrauch von Antibiotika

Der Verbrauch von Antibiotika steigt weltweit kontinuierlich an. Eine 2018 veröffentlichte Studie stellte fest, dass der Verkauf zwischen 2000 und 2015 um rund 65% zugenommen hat. In Ländern geringen und mittleren Einkommens gab es einen Anstieg um 114%. Indien stach dabei besonders hervor. In Deutschland zeigen Analysen der Krankenkassen, dass Antibiotika auch bei uns häufig falsch und unnötig verordnet werden.

Massentierhaltung fördert Resistenzentwicklung

Zentrale Rolle bei der Entwicklung resistenter Keime spielt auch die Landwirtschaft. Der massive Einsatz von Antibiotika bei der Tiermast bringt längst auch Reservepräparate an den Rand ihrer Wirksamkeit. 2015 sorgte der Fund eines neuen Resistenz-Gens bei Schweinen und Hühnern in China für Entsetzen. Selbst Colistin, ein wichtiges Mittel letzter Wahl, wirkte nicht mehr. Nur ein Jahr später wurde das leicht zwischen Bakterien übertragbare Gen auch in Deutschland und anderen europäischen Staaten nachgewiesen.

Weil die Nachfrage nach billigem Fleisch kontinuierlich steigt, nimmt die Massentierhaltung in armen Ländern rasant zu. Die hochgezüchteten Rassen sind jedoch selten an die klimatischen Bedingungen in Südländern angepasst. Die Tiere erkranken häufiger und werden häufiger mit Antibiotika behandelt. Auch als Masthilfe bzw. Wachstumsbeschleuniger werden Antibiotika eingesetzt. Die dadurch entstehenden Resistenzen werden durch die Import- und Export-Beziehungen im Fleischhandel globalisiert.

Resistente Keime in Flüssen und Seen

Nicht zuletzt birgt die Herstellung von Antibiotika, die oft in Indien und anderen Ländern des globalen Südens erfolgt, gravierende Probleme mit sich. Ende 2017 stieß ein Team deutscher Journalisten bei Wasserproben in Hyderabad/Indien, woher auch fast alle großen deutschen Pharmahersteller Antibiotika beziehen, auf extrem hohe Konzentrationen antibiotischer Wirkstoffe in Gewässern sowie im Grund- und Trinkwasser. Die so befeuerte Entwicklung von Resistenzen stellt nicht nur ein lokales Gesundheitsrisiko dar. Denn resistente Erreger kennen keine Grenzen und breiten sich z.B. durch Tourismus weltweit aus. Eine Leipziger Studie fand bei über 70 Prozent der Indien-Reisenden nach ihrer Rückkehr resistente Erreger. Bei Rückkehrenden aus Südostasien waren es fast 50 Prozent.

In jüngster Zeit sind Antibiotika-resistente Erreger in deutschen Gewässern und Badeseen in den Fokus gerückt. Im Februar 2018 fand sich bei Wassertests an verschiedenen Bächen und Seen Niedersachsens eine Vielzahl resistenter Erreger. Antibiotische Wirkstoffe aus der Tierhaltung sind dafür maßgeblich verantwortlich. Sie gelangen u.a. über die ausgebrachte Gülle in Boden und Gewässer. Aber auch Abwässer aus Krankenhäusern und Pflegeheimen weisen hohe Konzentrationen antibiotischer Rückstände auf. Die Kläranlagen sind derzeit technisch nicht dafür ausgerüstet, solche Rückstände von Medikamenten aus dem Wasser herauszufiltern.

Was tut die Pharma-Kampagne?

Die BUKO Pharma-Kampagne nimmt die globale Resistenz-Problematik mit einem neuen Projekt unter die Lupe: Unter dem Titel „Antibiotika-Resistenzen in Nord und Süd - Globale Herausforderungen erkennen, lokale Handlungsoptionen fördern“ werden wir gemeinsam mit internationalen Partnerorganisationen drei Länderstudien in Indien, Tansania und Südafrika durchführen. Im Frühsommer 2020 wollen wir die Ergebnisse und Analysen in einer Broschüre veröffentlichen und dabei auch auf die Situation in Deutschland  - mit einem Schwerpunkt auf NRW - Bezug nehmen.

Außerdem soll eine Wanderausstellung die komplexe Problematik ansprechend und authentisch vermitteln. Großformatige Bildtafeln, interessante Texte und multimediale Elemente sollen die Resistenzprobleme in verschiedensten Teilen der Welt abbilden, Ursachen aufzeigen und lokale Lösungsstrategien und Handlungsansätze vorstellen. Die Ausstellung wird sich an kritische VerbraucherInnen sowie Beschäftigte in der Landwirtschaft und im Gesundheitswesen richten und soll ab Herbst 2020 im Rahmen von Messen, Kongressen und Veranstaltungen NRW-weit gezeigt werden.

Zusätzlich ist 2020 eine zweiwöchige bundesweite Theatertournee geplant, die die Inhalte der Ausstellung aufgreift. So wollen wir der Thematik eine möglichst breite Öffentlichkeit verschaffen, zur politischen Meinungsbildung beitragen und zugleich kommende Ausstellungstermine effektvoll bewerben. Nicht zuletzt sollen ein großes Symposium (2021), gezielte Advocacy- und Öffentlichkeitsarbeit sowie interdisziplinäre Fachgespräche die Advocacy-Arbeit zum Thema ABR befeuern und zu einer Vermeidung von Antibiotika-Resistenzen sowie zu entsprechenden gesellschaftlichen Veränderungen in Deutschland beitragen. Das Projekt startete im Juni 2019, Aktivitäten sind bis Ende 2021 geplant.

sue logo homeDas Projekt wird gefördert durch die Stiftung Umwelt und Entwicklung Nordrhein-Westfalen

 

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