BUKO Pharma-Kampagne Meldung 9. Mai 2006

Schlimmer als im Roman
Pfizers Versuche an Kindern in Nigeria

1996 hat der US-Konzern Pfizer unethische Medikamentenversuche in Nigeria durchgeführt, fünf Kinder starben. Offensichtlich wurden die Eltern der Kinder nicht darüber aufgeklärt, dass es sich um ein riskantes Experiment mit einem nicht zugelassenen Medikament handelte. Erst vor wenigen Tagen wurden Details bekannt.

„Das Ganze klingt nach einem Kriminalroman, wie ein John le Carré“, sagte die US-Anwältin der betroffenen Familien der Washington Post, die den Skandal aufgedeckt hat. Zehn Jahre hat es gedauert, bis Details über die Experimente ans Licht kamen.
Während einer Meningitis-Epidemie im Jahr 1996 hatte Pfizer die Versuche an fast 100 Kindern mit dem damals noch nicht zugelassenen Antibiotikum Trovan® (Trovafloxacin) in Kano (Nigeria) durchgeführt. Fünf Kinder starben, andere erlitten Schäden. Erst ein Jahr später wurde das Mittel in den USA zugelassen – aber nur für Erwachsene. 1999, zwei Jahre später wurde die Anwendung wegen Todesfällen durch Leberschädigung in den USA drastisch eingeschränkt. Von der Europäischen Arzneimittelbehörde EMEA wurde der Vertrieb des Medikaments im selben Jahr komplett verboten.
Bereits im Dezember 2000 hatte die Washington Post einen Artikel zu den Versuchen in Nigeria veröffentlicht. Doch damals redete die Firma sich gegenüber der Presse und der US-Zulassungsbehörde FDA heraus, unter anderem mit der Behauptung, ein Ethik-Komitee hätte die Tests genehmigt.

Gefälschte Genehmigung
Genau diese Genehmigung aber war gefälscht. Der verantwortliche Prüfarzt hatte das Dokument erst nach Abschluss der Studie produziert. Das angebliche Ethik-Komitee existierte überhaupt nicht. Das stellte sich jetzt durch den Bericht einer nigerianischen Untersuchungskommission heraus. Dieser Bericht schlummerte fünf Jahre in den Schubladen als Geheimsache. Anwälte der Betroffenen und die Presse hatte vergeblich versucht, an den Bericht zu kommen. Angeblich soll es nur drei Kopien davon gegeben haben: Eine wurde bei der Regierung aus einem Tresor gestohlen, eine weitere hatte ein Beamter, der dann verstarb, bei sich zu Hause aufbewahrt. Der Informant, der die brisanten Papiere kürzlich der Washington Post zuspielte, wollte anonym bleiben, da er sich bedroht fühle. In dem Bericht wird der Vorsitzende der Untersuchungskommission mit der Aussage zitiert, er habe selbst Morddrohungen erhalten.

Damit hören die Merkwürdigkeiten aber noch lange nicht auf. So hatte der (nigerianische) Prüfarzt in Wirklichkeit überhaupt nichts zu sagen. Er war nur der Strohmann für Pfizer-Forscher, die die Studie tatsächlich durchführten. Der angebliche Prüfarzt bekam nicht einmal alle Ergebnisse zu sehen. Auch die nigerianische Regierung war, anders als Pfizer behauptet hatte, nicht über die Versuche informiert.

Faule Ausreden
Pfizer versucht sich in einer Stellungnahme darauf herauszureden, die Firma hätte ein gutes Werk getan und durch den Versuch hätten die Kinder ein wirksames Medikament erhalten. Doch waren Nutzen und Risiken von Trovan® damals keineswegs so klar, und andere PatientInnen wurden im gleichen Ort von Ärzte ohne Grenzen erfolgreich mit gut eingeführten Antibiotika behandelt. Außerdem beendete Pfizer die Versuche in Nigeria, lange bevor die Epidemie zu Ende war. Der nigerianische Untersuchungsbericht ergab darüber hinaus, dass mindestens ein Kind, das bei den Versuchen starb, keine anderen Antibiotika erhielt, obwohl die Behandlung mit Trovan® nicht anschlug.
2001 hatten 30 betroffene nigerianische Familien in den USA gegen Pfizer wegen „grausamer, unmenschlicher und herabwürdigender Behandlung“ geklagt. Letztes Jahr hat das Bundesgericht in New York entschieden, dass es nicht zuständig sei. Die neu aufgetauchten Dokumente könnten da eine Wende bedeuten.
Manchmal übertrifft die Wirklichkeit jede Fiktion. (JS)

Quellen:
Panel Faults Pfizer in ‚96 Clinical Trial in Nigeria. Washington Post 7 May 2006
www.emea.eu.int/pdfs/human/press/pus/1804699EN.pdf