Forschung für Menschen
Entwicklung neuer Arzneimittel
Viel Geld wird in die Entwicklung neuer Medikamente gesteckt. Die Forschung widmet sich vorrangig gewinnträchtigen Bereichen und vernachlässigt die Bedürfnisse vor allem der armen Weltbevölkerung. Statt dessen werden viele so genannte Pseudo-Innovationen ohne therapeutischen Zusatznutzen hervorgebracht sowie Lifestyle-Medikamente, für die es keinen medizinischen Bedarf gibt. Ein grundlegender Richtungswechsel ist nötig. Wir brauchen eine bedarfsorientierte Forschung.
Aktionsplan der WHO
Die vorherrschende Gesundheits- und Arzneimittelforschung vernachlässigt die spezifischen Gesundheitsbedürfnisse der Länder des Südens. Dass Patentschutz kein ausreichenden Anreiz für diese Forschung ist und auch den Zugang zu neuen Medikamenten verhindert, hat eine von der WHO eingesetzte Kommission klar belegt. Der CIPIH-Bericht hat mehr als 200 Empfehlungen erarbeitet, wie die Arzneimittelforschung den Bedürfnissen von Menschen in Armut gerecht werden kann. Im so genannten IGWG-Prozesses wurde anhand der Empfehlungen eine "Globale Strategie und Aktionsplan" erarbeitet. Nach Annahme durch die Weltgesundheitsversammlung im Mai 2008 sind vor allem folgende Punkte richtungsweisend:
- Der WHO wird eine koordinierende Rolle zugewiesen
- es wird ein Katalog mit Prioritäten für den Forschungsbedarf erarbeitet
- neue Forschungsanreize sollen geschaffen werden, die den Produktpreis von den Forschungskosten abkoppeln.
- gerechter Zugang zu Forschungsergebnissen soll gefördert werden (open access Publikationen, offene Lizenzen u.a.)
- Aufbau von Forschungs-und Produktionskapazitäten in Entwicklungsländern
- Unterstützung beim Einsatz von Zwangslizenzen
- Erarbeitung neuer Finanzierungsmechanismen
Ein wichtiger Schritt ist getan: die Arzneimittelforschung wurde zur öffentlichen Verantwortung erklärt und soll zukünftig nicht mehr nur kommerziellen Interessen gehorchen.
Die BUKO Pharma-Kampagne arbeitet zum Thema Forschung eng mit vielen nationalen und internationalen Organisationen zusammen. Über Health Action International läuft die Vernetzung als Innovation+Access Plattform, unter anderem mit:
Weitere Informationen:
- Health Action International Stellungnahmen zum IGWG-Prozess
- Arzneimittelforschung im öffentlichen Interesse? - Pharma-Brief spezial 2/2005 [PDF / 520 kB]
- WHO-Webseite zum Thema: http://www.who.int/phi/en
- Bundestagsbeschluß zu Forschung für Entwicklungsländer (angenommen am 29.5.2008)
Hintergrunddokumente:
- Mary Moran/Wellcome Trust: Product Development Partnerships
- Wagner/Aktionsbündnis gegen AIDS: Situation der HIV-Impfstoffentwicklung in Deutschland
- Ärzte ohne Grenzen: Forschungszwerg Deutschland
- Zahlen zu weltweiten Forschungsausgaben: Global Forum for Health Research
Der 800 Millionen Dollar Bluff - Was kostet Forschung wirklich?
Ein wichtiges Argument der Pharmaindustrie für den Patentschutz sind die angeblich exorbitant hohen Forschungskosten. Eine halbe Milliarde US$ soll die Entwicklung eines neuen Arzneimittels kosten. Das möchte uns die Industrie glauben machen. Doch seriöse Gegenrechnungen präsentieren weitaus geringere Summen von maximal 150 Millionen US$.
Die von den Herstellern genannten Zahlen halten einer kritischen Überprüfung nicht stand.
Viele von der Industrie entwickelte Medikamente bringen überhaupt keinen zusätzlichen therapeutischen Nutzen. Das Gros der neu zugelassenen Mittel sind mit geringem Kostenaufwand entwickelte "me-too's", also Abwandlungen bekannter Stoffe. Diese frisch patentierten Mittel sind zwar nicht wirksamer als Altbewährtes, dafür aber meist teurer.
Bei wirklich wichtigen Neuentwicklungen spielt staatliche Forschung eine große Rolle. Von den 50 meistverkauften Arzneimitteln in den USA wurden beispielsweise 45 mit Hilfe staatlicher Gelder erforscht. Den US-Steuerzahler kostete dies mindestens 175 Millionen US$. Gerne verschweigt die Industrie auch die hohe Steuerersparnis, die sie mit Forschungsausgaben erzielt.
Weitere Infos zum Thema Forschungskosten: Was kostet Forschung? - aus: Pharma-Brief spezial 2/2005


