Pharma-Kampagne aktuell

27.05.2009 - Aktuelles

Lassen sich die Kirchen vor den Karren der Pharmaindustrie spannen?


Arzneimittel können Leben retten. Doch ein großer Teil der weltweiten Bevölkerung hat keinen oder kaum Zugang zu diesen wichtigen Arzneimitteln. Die Mechanismen, die für diesen Zustand verantwortlich sind, sind bekannt. Durch die kontinuierliche kritische Öffentlichkeitsarbeit entwicklungspolitischer Organisationen und der Kirchen hat sich an der Versorgungssituation im Gesundheitswesen bereits einiges geändert. Doch diese reichen bei weitem nicht aus. Noch immer behindert die Pharmaindustrie mit einer rigiden Patentpolitik und hohen Preisen den Zugang zu lebensrettenden Medikamenten. Auch die innovative Forschung, derer sich die Arzneimittelhersteller rühmen, geht an den Bedürfnissen großer Teile der Weltbevölkerung vorbei. Denn für sogenannte vernachlässigte Krankheiten wie Malaria, Tuberkulose oder Schlafkrankheit wird viel zu wenig geforscht.

Vor diesem Hintergrund ist es nur schwer zu verstehen, dass sich jetzt die Gemeinsame Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE) mit dem Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (vfa) zusammen getan hat und am 29. April 2009 eine gemeinsame Stellungnahme zur „Gesundheit in Entwicklungsländern“ herausgegeben hat. Sie enthält eine Liste von Handlungsempfehlungen an die künftige Bundesregierung, die die zukünftige Arbeit der Kirchen und entwicklungspolitischen Organisationen mit den Aufgaben der Regierung vermischt.

So bleibt es mehr als zweifelhaft, ob die Pharmaindustrie in die Erstellung nationaler Pläne zur Gesundheitsversorgung sowie in die Förderung von Primary Health Care – Initiativen eingebunden werden sollte. Darüber hinaus wird eine Förderung freiwilliger Lizenzen zur kostengünstigeren Versorgung mit Arzneimitteln gefordert. Dass arme Länder nach den Regeln der WTO das Recht haben, Zwangslizenzen zu erteilen, bleibt unerwähnt. Zudem wird in den Handlungsempfehlungen an die künftige Bundesregierung das Modell der sogenannten Advanced Market Commitments (AMC) propagiert. Ein Modell, dass sehr kritisch zu sehen ist (mehr dazu im Pharma-Brief 3-4/2009. Auch die Bundesregierung hat sich richtigerweise bereits in allen WHO-Verhandlungen gegen AMCs ausgesprochen mit dem Argument, dies seien zusätzliche Subventionen für die Unternehmen ohne Zusatznutzen für die Menschen. (Eine ausführliche und kritische Auseinandersetzung zu AMCs findet sich auch in einem gemeinsamen Papier von Health Action International (HAI) und medico international ). 

Es spricht nichts gegen einen kritischen Dialog zwischen Kirchen und Pharmaindustrie. Aber der sollte sich dann auch mit Themen befassen, die im Kompetenzbereich der Industrie liegen. Das scheint aber ein zu heißes Eisen zu sein. Viel bequemer ist es doch, sich mit dem (vermeintlichen) Versagen Dritter zu befassen. So bleibt der schale Geschmack einer PR-Aktion zugunsten einer Industrie, deren Ruf zu Recht ramponiert ist. Werbefachleute haben dafür den Begriff „Image Transfer“ geprägt. Die Versuchung der Industrie, sich einen Heiligenschein zu borgen, ist verständlich. Aber warum lassen sich die Kirchen darauf ein?
Im Übrigen ist dies nicht die erste problematische Entscheidung der GKKE in Sachen Pharmaindustrie. In den 1990er Jahren wurde, statt über den Zugang zu preiswerten Medikamenten zu reden, das sogenannte Minilab gegen Arzneimittelfälschungen zum Arbeitsschwerpunkt. Pikantes Detail: Es testete auch die Qualität des in etlichen Ländern wegen seiner Risiken verbotenen Schmerzmittels Metamizol. 2001 verabschiedeten GKKE und VFA ein gemeinsames Papier zur AIDS-Bekämpfung, in dem Regierungen armer Länder die Hauptschuld an der fehlenden Krankenbehandlung zugeschoben wurde (siehe hierzu auch Pharma-Brief 10/2001, S.8 - Kirchen und Industrie Hand in Hand?)
Die Verantwortlichen in den Kirchen müssen sich der Frage stellen, ob sie sich vor den Karren einer Industrie spannen lassen wollen, die den Interessen der armen Mehrheit der Weltbevölkerung durch hohe Medikamentenpreise und Protektionismus massiv schadet.