Pharma-Kampagne aktuell

14.01.2016 - Aktuelles

Armut kommt nicht vor


Slum in Brasilien
Foto: Cauahn Kaizen, cc

Im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages äußerte sich Bundesentwicklungsminister Gerd Müller am Mittwoch, den 13. Januar 2016 zum globalen Kampf gegen Krankheiten. Der Minister hat Recht, dass die Herausforderungen, denen sich insbesondere die ärmeren Länder stellen müssen, nur im Zusammenwirken der internationalen Staatengemeinschaft zu lösen sind. Dennoch greift sein Statement zu kurz.

5,9 Millionen Kinder unter 5 Jahren starben laut WHO im Jahr 2015. Minister Müller meint: „Viele dieser Krankheiten könnten durch einfache Medikamente verhindert werden“, so und nennt beispielhaft Durchfall, Lungenentzündung oder Malaria. 

Gerd Müller vergisst zu erwähnen, dass Armut eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Krankheiten spielt. Gerade Durchfall, Lungenentzündung oder Malaria werden durch miserable Lebensbedingungen begünstigt. Der Zugang zu sauberem Trinkwasser, gesunder Ernährung und Bildung sind wichtige Faktoren, die entscheidend zur Vermeidung von Erkrankungen beitragen und somit in der globalen Gesundheitspolitik mitgedacht werden müssen. Das hatten die Staaten der Welt schon 1978 mit der Erklärung von Alma Ata klargestellt. Diese Aspekte kommen in der Erklärung von Minister Müller nicht vor. Schade, dass er allein auf Medikamente abhebt. Diese stellen zwar einen wichtigen Teil der Gesundheitsversorgung dar - aber eben nur einen Teil.

Beispiel Impfung gegen Durchfall durch Rotaviren

Durchfallerkrankungen sind in armen Ländern die zweithäufigste Todesursache bei Kleinkindern. Der Rotavirus gilt als ein wichtiger Auslöser der Krankheit. Er wird vor allem durch verschmutztes Wasser und Lebensmittel übertragen (Schmierinfektion) und gefährdet insbesondere Unterernährte sowie chronisch Kranke. Ob ein Rotavirus-Impfprogramm – wie durch die globale Impfallianz (GAVI) propagiert – die sinnvollste Möglichkeit ist, die Gesundheit zu verbessern, bleibt offen.

Eine Metanalyse der Cochrane Collaboration zeigt, dass die Rotavirus-Impfstoffe in Entwicklungsländern zwar die Zahl der durch Rotavirus bedingten Erkrankungen um 41%-63% verringerte, aber die Gesamtrate von schweren Durchfallerkrankungen nahm nur um 15%-34% ab. Das ist weniger als in Industrieländern, vermutlich wegen des anderen Keimspektrums. Vor allem aber ist nicht belegt, ob die Impfung tatsächlich die Sterblichkeit senken kann. Die Cochrane-Analyse konnte keinen messbaren Effekt feststellen. Wahrscheinlich wären zur Bekämpfung von Durchfallerkrankungen Investitionen in den Zugang zu sauberem Trinkwasser, Latrinen, sichere Abwasserbeseitigung und Schulungen in Hygiene sinnvoller, nachhaltiger und kostengünstiger. Eine vergleichende Bewertung der Effektivität der unterschiedlichen Maßnahmen wäre unbedingt notwendig. (Siehe hierzu auch den Pharma-Brief Artikel - GAVI - Mehr Geld allein reicht nicht)