PHARMA-BRIEF Nr. 10/2001 Seite 3-4

Mehr Medikamentenwerbung?

Die Europäische Union plant eine Lockerung des Werbeverbots für rezeptpflichtige Arzneimittel. Bisher ist es der Pharmaindustrie verboten, diese Medikamente direkt bei den PatientInnen zu bewerben. Das Verbot soll nun in einer „Testphase“ für die Krankheiten AIDS, Diabetes und Asthma abgeschafft werden.[i] Was als ein „Informationsangebot für PatientInnen“ angepriesen wird, ist aber eine Ausweitung von Manipulation und Desinformation.

PatientInnen haben ein Recht auf Information. Sie sollten umfassend über Nutzen und Risiken von Medikamenten aufgeklärt werden, um so im Fall einer Erkrankung aktiv an der Erstellung eines Behandlungsplans mitwirken zu können. Dazu gehört auch, nicht-medikamentöse Therapiemaßnahmen in Erwägung zu ziehen. Diese Informationen müssen aus möglichst unabhängigen Quellen stammen. Werbung der Pharmaindustrie bleibt Werbung, und auch wenn sie trügerisch als Information gekennzeichnet wird.

Warum Einschränkungen?

Viele Medikamente unterliegen der Verschreibungspflicht, weil sie risikoreich sind und mit größerer Sorgfalt angewendet werden müssen. In manchen Fällen handelt es sich um neue Wirkstoffe, bei denen wenig über die Langzeitwirkungen oder seltene unerwünschte Wirkungen bekannt ist. Für alle rezeptpflichtigen Stoffe wurde das öffentliche Werbeverbot als Maßnahme der Gesundheitsfürsorge eingeführt: vor der Verschreibung des Mittels muss eine qualifizierte medizinische Untersuchung und Beratung gewährleistet sein.

Werbung für Arzneimittel ist generell problematisch. Wie bei aller Werbung ist das primäre Ziel nicht Information, sondern zum Kauf anzuregen. Sie soll Bedürfnisse wecken, wo vielleicht noch gar keine vorhanden sind, und sie soll bei einem wirklichen Bedarf das Kaufverhalten in die gewünschte Richtung lenken. Für die Marketingstrategen der Pharmaindustrie ist die Bindung der Kunden an bestimmte Marken sehr wichtig (wie sich deutlich in den Diskussionen um das Verschreiben von Wirkstoffen statt Markenpräparaten zeigt). Doch Medikamente sind keine normalen Konsumgüter wie Fernseher oder Kosmetika. Medikamente sind besondere Waren, bei denen die Abwägung von Nutzen und Schaden oft nicht einfach ist.

Zudem sind kranke Menschen anfälliger gegen die subtile Manipulation der Werbung: wer sich krank fühlt oder unter Schmerzen leidet, ist dankbar für angebotene Hilfen und empfindet die vollmundigen Werbeversprechen oft als willkommenen Strohhalm. Deshalb ist es sehr wichtig, Beeinflussungsversuche durch Werbung zu reglementieren. Würden diese bestehenden Regelungen gelockert, ginge damit ein wichtiger Bestandteil des VerbraucherInnenschutzes verloren. Bereits die existierenden Werbebeschränkungen für rezeptfreie Arzneimittel werden nur mangelhaft kontrolliert, eine konsequente Verfolgung von Verstößen findet nicht statt.

Schlechtes Beispiel USA

Patientenwerbung für verschreibungspflichtige Medikamente ist bisher nur in zwei Ländern erlaubt: den USA und Neuseeland. Die Ausgaben für Arzneimittel sind in beiden Länder schnell angestiegen, ein deutliches Zeichen für die Wirksamkeit dieser Werbung.[ii] In den USA sind 1998/99 innerhalb eines Jahres die Ausgaben für Medikamente um 17,7 Milliarden US-Dollar gestiegen. 40 % dieses Kostenanstiegs gehen auf nur 25 Arzneimittel zurück. Das sind gerade diejenigen Medikamente mit dem höchsten Werbeetat für Patientenwerbung! Die Industrie hat sich diese Werbung direkt an die VerbraucherInnen 1,9 Milliarden US-Dollar kosten lassen.[iii] Die schlechten Erfahrungen mit der Direktwerbung schüren die Proteste. Eine wachsende Koalition von kritischen Gesundheitsorganisationen und VerbraucherInnenverbänden protestiert gegen die Pharmawerbung und fordert statt dessen den Zugang zu unabhängigen Informationen.

Nachdem sich gezeigt hat, dass diese Werbung in den USA und Neuseeland sehr gute Gewinne einbringt, versuchen die multinationalen Pharmaunternehmen, nun auch in anderen Ländern die Direktwerbung für Patienten durchzusetzen.

AIDS, Asthma, Diabetes – mehr nicht?

Vor allem die Europäische Gemeinschaft stellt einen großen und lukrativen Markt dar. Vorerst soll die VerbraucherInnenwerbung für rezeptpflichtige Medikamente nur für die Krankheiten AIDS, Asthma und Diabetes zugelassen werden. Dass es sich hierbei um chronische Erkrankungen mit hohem Medikamentenverbrauch handelt, ist kein Zufall. Werbung soll ja PatientInnen an bestimmte Marken binden, deshalb sind DauerkonsumentInnen eine lukrative Zielgruppe.

Wenn es die Pharmaindustrie schaffen sollte, mit dem Argument der „PatientInneninformation“ die Werbebeschränkungen für diese Gruppen auszuhebeln, wird eine Ausdehnung auf weitere Zielgruppen nicht lange auf sich warten lassen. Warum sollten nicht auch MS-Kranke oder RheumatikerInnen ein „Anrecht auf (Des)Information“ durch die Industrie haben? Die geplante Lockerung des Werbeverbots für verschreibungspflichtige Medikamente ist nur der Türöffner, das langfristige Ziel der Pharmaindustrie ist die Abschaffung aller Werbebeschränkungen! Der Dammbruch droht jetzt und würde globale Auswirkungen haben: Fällt das Werbeverbot in der EU, wird der Rest der Welt folgen. Vor allem Menschen in armen Ländern mit schwachen Kontrollmöglichkeiten und wenig unabhängigen Informationsquellen würden besonders leiden.

Die Pharma-Kampagne wird sich zusammen mit PatientInnen- und VerbraucherInnenverbänden, die sich nicht für die Vermarktungsinteressen der Pharmaindustrie missbrauchen lassen, gegen eine Lockerung der Werbeverbote einsetzten – für PatientInnenschutz und gegen unnötige Kostensteigerungen.  (CW)


[i]   Lisa Hayes, Is the EU edging towards DTCA? HAI-Lights, August 2001          www.haiweb.org/pubs/hailights/aug2001/aug01_lead.html

[ii] HAI: Barbara Mintzes, Blurring the boundaries. New trends in drug promotion.               www.haiweb.org/pubs/blurring/blurring.intro.html

[iii]             L.Siegel, DTC advertising: Bane or blessing? A 360-degree-view. Pharmaceutical Executive, October 2000, S. 141


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